(162) Marlis Dietz nahm den Blumenstrauß entgegen…

Marlis Dietz nahm den Blumenstrauß entgegen und ließ sich von dem kleinen schwarzen Jungen mit den schneeweißen Zähnen  auf die Wange küssen. Wenigstens waren zwei Bildreporter dabei, sonst hätte sich der Besuch der Asylantenintegrationsbegegnungs- und -tagesstätte (AIBT) überhaupt nicht gelohnt. Ludger war schon einen Schritt vorausgegangen. Er hätte auch auf sie warten können, anstatt dass sie sich jetzt beeilen musste, um ihn einzuholen. Was sollte sie jetzt mit dem Blumenstrauß machen? Sie reichte ihn mit einer derart wirschen Bewegung an einen Personenschützer weiter, dass die Zellophanfolie laut raschelte. Freundlich sah der Gorilla sie nicht an, das war nicht respektvoll, sie würde zu gegebener Zeit darauf zurückkommen.

Ludger hatte diesen schwer zu deutenden Gesichtsausdruck, der für die meisten Gelegenheiten passte. Er schien interessiert, aber nicht zu sehr. Marlies kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass es pure Langweile war, die sich auf seinen Gesichtszügen zeigte. Der Leiter der AIBT, Björn Eisermann, sah ganz nett aus, vielleicht ein bisschen pummelig. Wie Ludger vor zwei Jahren auch, bevor Marlis seine Ernährung umgestellt hatte.

Eisermann stellte dem Herrn Minister und seiner Gemahlin eine junge Frau vor: Francine Bemba, ursprünglich aus dem Kongo, habe dort sehr gut Deutsch sprechen gelernt. Jetzt warte sie auf das Ergebnis ihres Asylantrags.

„Freut mich sehr“, sagte Marlis Dietz, „schauen Sie, das hat mir mein Mann mitgebracht. Aus Afrika. Erkennen Sie es?“ Sie hob ihre Halskette mit einem Anhänger aus geflochtenem Bast hoch. Francine schaute auf den Anhänger und dann in Marlis Dietz‘ Gesicht. Sie schien völlig ratlos. Die beiden Bildreporter drückten mehrfach auf ihre Auslöser und erhellten die Szene mit zuckenden Blitzlichtern. Eisermann entschärfte den Moment der Stille, indem er vorschlug, dass sich die Gruppe jetzt die gemeinschaftliche Küche anschauen sollte, in der traditionelle Gerichte vorbereitet seien.

Der Tross zog weiter, Francine Bemba blieb zurück. Ein paar Meter weiter flüsterte Marlis Dietz ihrem Mann ins Ohr: „Die war ja seltsam. Meinst du, sie ist dumm, die Arme? Die hat ja überhaupt nichts verstanden. Dabei sollte sie doch Deutsch sprechen.“

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