(161) Es war heiß in der Wachkabine, obwohl das Dach kein Sonnenlicht hindurch ließ.

Es war heiß in der Wachkabine, obwohl das Dach kein Sonnenlicht hindurch ließ. Aber Derek Horn konnte das Flirren der Hitze über dem Asphalt beobachten und das alleine trieb ihm schon den Schweiß auf die Stirn. Er schaute starr auf die Digitaluhr an der Fassade des Versicherungsunternehmens gegenüber. Noch eine halbe Stunde, dann würde er abgelöst werden. Dann nach einer Stunde noch einmal zwei Stunden Wache. Dann Feierabend, zurück in die Kaserne. Und morgen wieder das gleiche. Einfach nur dastehen vor dem Parlament. Ob darin überhaupt Sitzungen stattfanden oder nicht. Einfach nur dastehen. Es war gar nicht vorgesehen, dass Derek etwas tat. Nur dastehen mit dem Sturmgewehr an der Seite. Wenn etwas passieren würde, er musste einfach da stehen bleiben. Für Einsätze gab es das Krisenteam, das im Hintergrund in Bereitschaft lag. Alles mit Kameras überwacht. Auch er. Kein Zucken entging ihnen. Er durfte nicht einmal eine Fliege aus dem Gesicht wischen. Nur aus den Mundwinkeln pusten, war toleriert. Langsam ging er ein paar Zentimeter in die Knie und spannte seine Muskeln an. Dann wieder langsam hoch, etwas strecken. Wenn er es ganz langsam tat, merkte man es nicht und doch tat es ihm gut. In zwei Wochen durfte er nach Hause gehen. Urlaub, Besuch bei Freunden. Ausschlafen, einfach nur in Jeans abhängen. Mädchen interessierten sich nicht für ihn, wenn sie hörten, dass er kaum Freizeit hatte und das noch für die nächsten 281 Tage. Warum hatte er sich nur freiwillig für die Wache am Parlament gemeldet? Dachte er, Frauen würden auf ihn zukommen und ihm ihre Telefonnummer in die Mündung seines Gewehrs stecken? Der normale Militärdienst war allerdings auch nicht anders, aber vielleicht abwechslungsreicher. Er sah wie auf der Digitaluhr wieder eine Minute vorbei war. Ansonsten gab es nichts, was er hinter der verspiegelten Fassade erkennen konnte. Es gab nichts, was er beobachten konnte. Nur der Fluss der Autos, unaufhörlich und einförmig. Es war, als ob der Standort der Wachkabine so gewählt worden war, dass es keine Ablenkung gab und er seinen Gedanken schutzlos ausgeliefert war. Es war absurd, Wache zu halten, wenn das einzige, was er nicht brauchte, Wachsamkeit war. Nur dastehen und auf die Digitaluhr schauen. Und wenn die Zeit der Ablösung gekommen war, konnte er auch nicht einfach heraustreten und gehen. Wenn sein Nachfolger nicht auftauchte, dann musste er trotzdem in der Kabine stehenbleiben. Theoretisch bis zum Sankt-Nimmerleinstag – etwas anderes war nicht vorgesehen, denn die Wachkabine musste jederzeit besetzt sein. Derek hoffte, dass Ben, mit dem er die Wachschicht teilte, pünktlich sein würde. Genauso wie Derek auch pünktlich Ben ablösen würde. Sie waren aufeinander angewiesen.

Auf der anderen Straßenseite stieg eine junge Frau aus einem dunkelblauen Wagen aus und schmiss die Tür zu. Sie weinte. Ein Streit, dachte Derek. Drama frei Haus. Die Autos dahinter hupten. Flüche und Schmähungen flogen durch die flirrende Luft. Dann fuhr der Wagen weiter. Die Frau stand auf der Verkehrsinsel und weinte immer noch. Derek fragte sich, was passieren würde, wenn er einfach aus der Kabine treten würde, über die Straße zu ihr liefe und sie in den Arm nähme.

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