(160) Emely Gehrke hatte Angst, wann immer sie hinter dem Lenkrad saß.

Emely Gehrke hatte Angst, wann immer sie hinter dem Lenkrad saß. Das ist ein Problem für eine 19-Jährige, die gerade ihren Führerschein machte. Mittlerweile hatte sie 73 Stunden auf ihrem Fahrschulkonto und es war immer noch kein Ende absehbar. Einmal hatte sie die Prüfung schon geschmissen, weil sie einem LKW die Vorfahrt geraubt hatte und der Fahrlehrer, Herr Schütze, mit beiden Füßen auf die Bremse treten musste. Der Prüfer hatte sich nur einmal geräuspert und sie durfte wieder zurück zur Prüfstation fahren.

Jetzt war sie wieder mit Herrn Schütze unterwegs. Stadtfahrt mit besonderem Augenmerk auf das mehrspurige Linksabbiegen. Dies gehörte zu Emelys besonderen Ängsten. Sie war immer besorgt, irgendetwas nicht zu beachten und während sie mit ihrer Angst beschäftigt war, übersah sie andere Verkehrsteilnehmer. Herr Schütze musste dann wieder bremsen und das war jedes Mal eine Schmach für sie.

„So Frau Gehrke. Bei der nächsten Ampel, vor dem Parlament, machen wir eine Kehrtwende und kommen dann auf der gleichen Straße zurück. Klar?“ Emely hatte einen trocknen Mund. Sie nickte öfters als notwendig. „Was ist das Erste, das Sie jetzt machen müssen?“ In ihrem Kopf herrschte Leere mit steigender Neigung zu Panik. „Sie müssen sich ganz links einreihen. Spurwechsel mit anderen Worten. Nein, nicht sofort. Erst mal schauen. Ist die Spur frei? Dann Blinker nach links. Dann vorsichtig rüberfahren. Aber nicht vergessen, auch nach vorne zu schauen, Frau Gehrke!“

Sie schaute auf den roten Golf, der sich vor ihr eingereiht hatte, ohne Blinker und vermutlich auch ohne zu schauen. Es hatte keinen Sinn, Herrn Schütze darauf aufmerksam zu machen.

„Schon mal langsam bremsen, Frau Gehrke. Sie sehen doch, dass die Ampel auf Rot ist.“ Das hatte sie nicht gesehen, sie hatte den roten Golf im Auge, aber nicht die Ampel. Sie blieb stehen. Sie schaute hinüber zu dem großen Sandsteingebäude, in dem das Parlament tagte. Davor, unten vor dem Aufgang stand eine Glaskabine, die nach vorne offen war. Darin stand ein Soldat in grüner Uniform mit einem Gewehr an der Seite. Auf dem Gewehr war ein langes, glänzendes Bajonett aufgepflanzt.

„Es ist grü-ün, Frau Gehrke!“ Hastig legte sie den ersten Gang ein, ließ die Kupplung aber zu schnell kommen und der Motor würgte ab. „Der Motor ist aus“, stellte Herr Schütze fest und schaute teilnahmslos nach vorne.

„Ich habe jetzt keine Lust mehr“, schrie es aus Emely heraus. Herr Schütze starrte sie erstaunt an. Bisher hatte sie noch nie die Nerven verloren. Sie riss die Tür auf und stieg aus. Sie blieb auf der Verkehrsinsel stehen und fing an zu weinen. Hinter dem Auto der Fahrschule fingen andere Fahrer an zu hupen. Emely machte keine Anstalten, wieder ins Auto zu steigen. Das Hupen wurde lauter. Kurz entschlossen hob sich Schütze auf den Fahrersitz, startete den Motor, kurbelte das Fenster runter und rief im Weiterfahren hinaus: „Bleiben Sie da stehen, ich stell nur das Auto ab!“ Dann fuhr er die Kehrtwende und suchte nach einer Haltemöglichkeit. Vor dem Parlament war das natürlich gänzlich unmöglich. Er fluchte. So etwas, war ihm noch nicht passiert.

Schreibe einen Kommentar