(16) Miguel saß mit dem Rücken zu dem mickrigen Bandoneonspieler…

Miguel saß mit dem Rücken zu dem mickrigen Bandoneonspieler, den der Wirt seit kurzem an zwei Abenden in der Woche spielen ließ. Es war eine Mode, die leider jetzt auch in seiner Stammkneipe Einzug genommen hatte. Es würde auch wieder vorbei gehen. Außerdem war es das letzte Mal, dass er hierher kam. Er trank einen Schluck Rotwein, die Augen starr auf die Tischplatte gerichtet. Marina sah er erst, als sie schon vor ihm saß. Ihre Augen waren gerötet und geschwollen – sie musste geweint haben. Miguel senkte seinen Blick wieder. „Sie werden Severino morgen früh exekutieren. Ihn und Paulino. Ich habe es von einer Freundin, deren Mann im Gefängnis arbeitet. Sie werden sie erschießen wie räudige Hunde.“ Miguel umklammerte sein Glas fester. „Uriburu hat die beiden selbst verurteilt, nur Stunden nach ihrer Verhaftung.“ Sie vergrub ihren Kopf in den Armen. Miguel hörte ihr leises Schluchzen. „Ich weiß“, brummte Miguel. Sie schaute auf. „Warum sitzt du dann noch hier? Warum unternimmst du nichts?“ Er antwortete nicht, sondern trank aus seinem Glas. Sie versuchte es noch einmal: „Die anderen treffen sich in einer Stunde, um zu beraten, was zu tun ist.“ – „Es ist nichts mehr zu tun“, sagte er leise. Sie setzte sich gerade hin. Ihre Augen waren weit aufgerissen und starrten ihn an. „Was bist du doch für ein Feigling, Miguel. Wenn sie dich verhaftet hätten, Severino wäre nicht untätig geblieben. Er hätte sein Leben für dich eingesetzt.“ Miguel antwortete nicht. Er dachte: ‚Genau das war Severinos Problem. Nur Aktion, keine Reflexion.‘ Marina stand ruckartig auf, schaute ein letztes Mal auf Miguel herunter und verließ das Lokal.

Miguel schien dem Bandoneonspieler zuzuhören, sein Gesicht verriet keine Regung. Er dachte an Paulinos Schwester, die 19-jährige Fina. Auch sie war verhaftet worden und ihr Schicksal war ungewiss. Vielleicht würde sie mit ihrem Geliebten Severino sterben. Wahrscheinlich würde Uriburu sie freilassen. Tote Revolutionäre waren gut für die Diktatur. Tote Frauen nicht. Wenn sie freikommen würde, wollte Miguel Fina erwarten. Alle waren weg oder tot, es gab nur noch ihn. Sie musste sich auf ihn verlassen. Morgen Abend würde ein Frachter den Hafen von Buenos Aires in Richtung Italien verlassen. Eine Überfahrt war bereits bezahlt. Er hatte mit dem Kapitän gesprochen, Miguel würde auch noch eine zweite Person mitnehmen können. Fina…

Schreibe einen Kommentar