(159) Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte.

Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte. Frau Kramer hatte sich nach ihrem Ohnmachtsanfall auf dem Ergometer wieder beruhigt und er war sicher, dass sie nicht herumtratschen würde. Sie hätte natürlich auch einen Herzinfarkt erleiden können oder in seiner Praxis sterben können. Das wäre keine gute Werbung für einen praktischen Arzt und es war auch mit seinem Berufsverständnis nicht vereinbar. Da er selbst seine Begeisterung für Pferdewetten nicht mehr im Griff hatte, brauchte er professionelle Hilfe. Er suchte eine Beratungsstelle aus, die weit genug entfernt war, dass er dort keine Bekannten oder Patienten treffen würde. Natürlich könnte er sagen, dass es ein beruflicher Besuch war, aber besser noch, es würde ihn niemand erkennen.

So kam er an einem Mittwochnachmittag in die Beratungsstelle und das nett lächelnde Mädchen am Empfang hatte ihn gebeten im Wartezimmer Platz zu nehmen. Behmenburg hatte bei der Anmeldung verschwiegen, dass er Arzt war. Im Termin würde er es erwähnen, aber nicht vorher. Aus Diskretionsgründen, aber auch weil er keine Sonderbehandlung wünschte. Er war suchtkrank und wollte genauso behandelt werden wie andere Suchtkranke. Im leeren Wartezimmer griff er sich eine Zeitschrift. Die Titelgeschichte handelte von alkoholabhängigen Frauen. Rasch überblätterte er den Artikel.

Die nächste Reportage handelte von einem Fahrlehrer, der seine Erlebnisse in einem Buch veröffentlich hatte. Behmenburg las interessiert, was Holm Schütze berichtete.

‚Jeder Fahrschüler hat eine andere Voraussetzung, die er oder sie mitbringt. Das zeigt sich am besten an der Anzahl an Fahrstunden, die notwendig sind. Mein schnellster Schüler hatte den Lappen nach 19 Fahrstunden. Das war wirklich ein Naturtalent, obwohl er mir versicherte, dass er vorher noch nie gefahren sei. Am anderen Ende der Skala eine Frau, die auch nach 211 Fahrstunden noch Schwierigkeiten hatte, die Gänge richtig einzulegen und die Rechts vor Links-Regel anzuwenden.‘

Behmenburg blickte von der Zeitschrift auf. Er hatte eine Idee. Bei einer Führerscheinprüfung kamen nacheinander mehrere Kandidaten an die Reihe. Sie hatten alle unterschiedliche Hintergründe: Für manche war es das erste Mal, andere hatten schon mehrere erfolglose Prüfungen hinter sich. Manche kamen mit wenigen Fahrstunden, andere hatten sehr viele. Auch der Prüfer hatte eine Historie: Vielleicht war er besonders streng, vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte er eine Vorliebe für kurzberockte Mädchen, vielleicht fand er das aufdringlich und war daher besonders pingelig mit ihnen. Man könnte diese Informationen zusammenstellen und dann ein Wettbuch aufmachen, wer in dieser Prüfungsrunde bestehen würde und wer nicht. Das wäre eigentlich ein gutes Konzept für eine Fernsehsendung, dachte Behmenburg.

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