(156) Mit der Fliegenklatsche schlug sie wild um sich, Herr Doktor.

„Mit der Fliegenklatsche schlug sie wild um sich, Herr Doktor.“ Hansjoseph Schneider stand im Flur, das Telefon am Ohr, und schaute durch die Eingangstür die Straße hinunter, durch die Marliese mit den Einkäufen wieder hochkommen würde. Dr. Behmenburg, ihr Arzt aus der alten Heimat, räusperte sich. Bei ihm war es schon am späten Nachmittag, aber Schneider hatte nicht allzu viele Möglichkeiten zu telefonieren, ohne dass Marliese es merkte. „Herr Schneider, es ist natürlich äußerst schwierig aus der Distanz von mehreren Zeitzonen“, auf dem Wort Zeitzonen schien der Arzt etwas zu verweilen, „eine Diagnose zu stellen. Allerdings kenne ich Sie und besonders Ihre Frau schon sehr lange, deshalb erlaube ich mir, etwas zu raten. Sind Sie noch dran?“ Schneider hatte das Ohr kurz von der Muschel genommen, um besser auf die Straße schauen zu können. „Ja, Herr Doktor, ich höre Sie sehr gut.“ – „Fein, Herr Schneider. Als ihre Frau mir davon erzählte, dass Sie beide ihren Ruhestand am Äquator verbringen wollten, war ich schon etwas skeptisch. Genau wie Ihre Frau…“ – „Aber sie wollte es doch ganz besonders“, warf Schneider ein. „Nun, das würde hier vielleicht etwas zu weit führen, Herr Schneider. Es sollte reichen, dass ich meine Zweifel hatte, dass besonders Ihre Frau den Anstrengungen des tropischen Klimas gewappnet sei. Ich denke Ihre Frau hat einen leichten Nervenzusammenbruch. Da braucht es nur einen kleinen Auslöser, wie eine Fliege, die mit ihrem Summen die Sinne reizt, und schon spielt das Hirn verrückt.“ – „Es war nicht nur das Summen, Herr Doktor. Sie hat die Fliege behandelt, als ob sie giftig sei.“ – „Nun ja, die Insekten in den Tropen tragen natürlich öfter Krankheiten, als das hier der Fall ist. Aber eine gesunde Vorsicht reicht völlig aus. Ihre Frau scheint mir überreagiert zu haben. Und das klingt für mich wie eine, sagen wir mal, psychische Störung.“ Schneider war erschüttert. „Sie meinen, meine Frau ist verrückt geworden, hier?“ Dr. Behmenburg atmete tief ein und aus. „Nein, Herr Schneider, das heißt es nicht. Sie ist, kann ich mir vorstellen, etwas überfordert. Land und Leute sind anders. Sie fühlt sich nicht wohl und dann kommt so etwas. Es ist eine Art des Körpers, uns mitzuteilen, wenn er nicht zufrieden ist.“ – „Ich habe jetzt auf allen Fenstern Fliegengitter aufziehen müssen und wir haben für alle Gläser Schutzkappen, wenn wir draußen sitzen. Alles damit keine Fliegen reinkommen.“ – „Herr Schneider, ich muss jetzt wirklich los. Wann sind Sie denn das nächste Mal hierzulande?“ – „Wir hatten das soweit nicht geplant. Die Flüge sind so teuer.“ Als Dr. Behmenburg schwieg, fügte er hinzu: „Aber Sie haben wahrscheinlich recht. Das geht so nicht weiter. Ich sehe zu, dass wir in Kürze nach Hause fliegen und dann kann sie ja mal bei Ihnen vorbeikommen. Aber sagen Sie nicht, dass wir telefoniert haben…“ – „Ja, das machen wir so, Herr Schneider. Dann kann ich mir ein Bild machen und Ihnen besser raten, was zu tun ist. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Und grüßen Sie Ihre Frau“, fügte der Arzt hinzu und legte auf. In der Stille hörte Schneider wieder das Summen einer Fliege. Sie musste irgendwie eingedrungen sein. Oder war sie etwa im Haus geschlüpft. Er musste ihr den Garaus machen, bevor seine Frau nach Hause kam. Er griff nach der grellgelben Fliegenklatsche, die er immer in der Nähe hatte, und suchte hektisch überall im Raum.

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