(135) Antoine hörte Kati aufmerksam zu.

Antoine hörte Kati aufmerksam zu. Manchmal raschelte der Mann mit der Lupe beim Umblättern, sonst summte nur die Klimaanlage im Hintergrund. Antoine fand die Geschichte von Kati inspirierend.

Als sie geendet hatte, sagte er: „Vielen Dank dafür. Ich will nicht anmaßend klingen, aber ich kann mit dem Zustand, den sie geschildert haben, ich meine, bevor Sie Herrn Wendel trafen… Ich kann das sehr gut verstehen.“ Sie antwortete nicht und hinter der Sonnenbrille konnte Antoine nicht einmal ausmachen, ob sie ihn anschaute oder nicht. Er erhob sich und setzte sich direkt neben sie. „Auch bei mir ist es nicht einfach. Ich habe es noch keinem gesagt, aber ich… Ich bin schwul.“

Jetzt nahm sie ihre Sonnenbrille ab und schaute ihn spöttisch an. „Aber ich bitte Sie, das weiß doch jeder.“ – „D-d-das kann nicht sein…“ – „Doch. Und wissen Sie was: es interessiert keinen. Wenn ich Ihnen meine Geschichte erzählt habe, dann nicht, weil ich auch Ihre Details wissen wollte. Sie fanden mich kühl und ich habe Ihnen erklärt, warum das so ist. Ich hoffe, das hat Ihnen einige Fragen beantwortet. Ich selbst habe keine Fragen, die Sie betreffen. Meinetwegen führen Sie ein einsames Leben, weil Sie zu schwach sind, der Welt Ihr wahres Gesicht zu zeigen. Vielleicht ist es ja auch wirklich hart. Aber ich kann Ihnen versichern, dass die Leute ins Rudelsburg kommen, weil das Essen gut ist und eben die Leute dorthin gehen, die da hingehen. Was Sie privat machen, und sei es hinter der Küchentür, interessiert keinen. Und ich habe keine Lust hier Ihr Gejammer anzuhören. Unter dem Vorwand, dass ich Ihnen etwas Intimes über mich berichtet habe und Sie dafür das Recht haben, Ihr kleines Köfferchen mit aufgestauten Gefühlen zu öffnen und mich damit zu bewerfen. Es interessiert mich nicht.“

Antoine fühlte sich durch ihre Rede gedemütigt. Es war jetzt bereits das zweite Mal an diesem Abend. Erst das Erbrechen von Herrn Wendel, vor der gesamten Kundschaft eines Mittwochabends. Und jetzt Frau Wendel, die seine Gefühle zertrampelte. Er fühlte sich, als säße er in diesem Plastikstuhl über einem Abgrund in den die Stahlbeine des Stuhls meterlang hinunter ragten.

Frau Wendel hatte die Brille wieder aufgesetzt und blätterte in aller Seelenruhe weiter in der veralteten Illustrierten. Es war, als ob ihm die Luft wegblieb. Er stand auf, musste sich dabei am Stuhlrücken festhalten. Dann wankte er aus dem Warteraum hinaus.

Als er weg war, wandte sich Frau Wendel unvermittelt an den Mann mit der Lupe und herrschte ihn an: „Und Sie? Wollen Sie mir auch noch etwas erzählen?“ Der Mann schreckte auf, sah sie mit großen Augen an. Er steckte die Lupe als Lesezeichen in das Buch, sprang auf und lief aus dem Zimmer.

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