(134) Der Verkauf des Altersheims an Ernst Koch war für Siegfried Pabst ein freudiges Ereignis gewesen.

Der Verkauf des Altersheims an Ernst Koch war für Siegfried Pabst ein freudiges Ereignis gewesen. Er hatte in Koch einen neuen Freund gefunden, dem er sich sehr verbunden fühlte. In einem der vielen Gespräche an dem Abend hatte Pabst für einen großen Lacher gesorgt, als er sagte: „Ich habe leider fast nur noch falsche Freunde – sie sind alle tot.“

Danach war Pabst sehr müde. Erika, die junge Pflegerin, brachte ihn auf sein Zimmer und half ihm, sich fürs Bett zurechtzumachen. Als sie gehen wollte, umklammerte er ihren Arm und flüsterte: „Danke, danke, danke…“ Sie hatte ihm die Hand gedrückt und sich dann verabschiedet.

Erika war spät dran. Die Arbeit im Altersheim war nur ein Broterwerb für sie. Eigentlich war sie selbst Schauspielerin, aber bisher hatte sie es nicht geschafft, davon auch leben zu können. Zurzeit arbeitete sie in einer Experimentalproduktion, zu deren Generalprobe sie gerade etwas zu spät dran war. Das Stück war so wirr, dass auch sie es nicht ganz verstand. Erika hoffte, dadurch zumindest Kontakte zu bekommen, die ihr später weiterhelfen würden. Bisher war das allerdings nicht passiert und sie rechnete damit, dass es maximal noch drei Vorstellungen des Stücks geben würde. Auch deshalb war sie froh über die Arbeit in dem Altersheim.

Allerdings hatte der Pflegejob Erika auch künstlerische Zweifel beschert. Sie verbrachte den ganzen Tag mit Künstlern, die zumeist verbittert waren und deren Leben sich in diesem Stadium nicht wesentlich von dem von Erikas Großeltern unterschied. Bisher hatte sie angenommen, dass die Kunst etwas Erhabenes sei, das alle Lebensabschnitte zum Besseren veränderte, wenn man nur lange genug dran bliebe. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Sie war in Gedanken versunken, als sie zu der Theaterprobe unterwegs war.

Plötzlich tauchten aus einer Nebenstraße vor ihr fünf Gestalten in orangefarbenen Lycra-Anzügen auf. Die Anzüge verhüllten nicht nur den ganzen Körper, sondern auch den Kopf, die Hände und die Füße. Dann bemerkte sie den Fotografen auf der Leiter, daneben einen Assistent, der einen Reflektor hochhielt. Es mussten Werbeaufnahmen sein. Durch die engen Anzüge konnte man die Körperformen ausmachen, drei Männer und zwei Frauen, alle eher jung und athletisch gebaut.

Wahrscheinlich Schauspieler, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie schluckte, möglicherweise würde auch sie ihr Geld irgendwann so verdienen müssen. Es konnte so nicht weitergehen. Sie stoppte und drehte sich zu den anonymen Figuren um. Sie begaben sich gerade wieder auf ihre Ausgangsposition zurück, um von da aus noch einmal unbekümmert um die Ecke zu kommen.

Schreibe einen Kommentar