(132) Holger Ditzel hatte Enrico versprochen, sich zu benehmen.

Holger Ditzel hatte Enrico versprochen, sich zu benehmen. Nun war das Hochzeitsessen vorbei und der Kuchen sollte kommen. Jetzt war es doch wohl gestattet, die Krawatte etwas zu lockern, oder?

Holger hielt Ausschau nach Vanessa. In ihrem engen roten Kleid sah sie rattenscharf aus. Außerdem sollte sie sich nicht so anstellen. Sie hatte ja auch schon was mit Enrico gehabt und im Vergleich zu Enrico sah Holger viel besser aus. Wenn alle Stricke reißen würden, konnte er immer noch sagen, dass Vanessa mit Enrico rumgevögelt hatte. Egal wann es war, es würde die Stimmung anheizen. Aber das wollte er natürlich nicht. Nur etwas Spaß mit Vanessa. Dann sah er sie, aber sie ging neben der Hochzeitstorte, die hereingetragen wurde. Holger grinste, dafür hatte er sich noch einen Spaß einfallen lassen. Auf der Torte war das Brautpaar als kleine Skulptur aufgesteckt. Braut und Bräutigam Hand in Hand. Holger hatte eine Spaßfassung davon gekauft, bei dem die Braut den Bräutigam mit nackten Beinen umklammerte, ihn quasi im Stehen bestieg. Wenn man es aus der richtigen Perspektive betrachtete, sah man, dass er ihr sein Ding reinsteckte. Sehr lustig. Nachdem die Torte angeschnitten war und das Blitzlichtgewitter abgeklungen, gab es eine Pause, weil irgendwelche Freunde von Charlotte einen Sketch vorführten. Ratzfatz hatte Holger das Brautpaar auf der Torte ausgetauscht. Dann sah er Vanessa und ging schnell zu ihr rüber, bevor sie wieder entwischen konnte.

Agathe Hollmann, Enricos Erbtante, war etwas schwerhörig, verstand den Sketch nicht und liebte Süßes. Sie pirschte sich an den Kuchen heran und wollte sich einen Nachschlag holen. Dann erblickte sie das Brautpaar auf dem Kuchen und was sie dort taten. Es war zu viel für die herzkranke Dame, die auch mit achtzig Jahren immer noch viel Wert auf ihre Jungfräulichkeit legte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und griff an ihr Herz. Sofort war Enrico zur Stelle und hielt sie. „Meine Herztropfen“, röchelte sie. Allerdings waren die Tropfen nicht in der guten Handtasche, die sie hielt, sondern in der Reisehandtasche, die auf dem Hotelzimmer lag. Enrico griff nach dem Zimmerschlüssel und schoss hinaus.

Aus beruflicher Neugier war auch der Pfarrer, Ernst Getschmann, zu der alten Dame gekommen. Sie hatte seine Predigt während der Hochzeitsmesse als modernes Geschwafel abgetan, aber jetzt verlangte sie nach ihm. Sie winkte ihn näher zu sich und flüsterte in sein Ohr. Sie wollte die Letzte Ölung, denn sie glaubte, dass es um sie geschehen war. Der Pfarrer bat um ein paar frische Tischdecken, die die Hochzeitsgäste um Pfarrer und Agathe spannten, um ihnen etwas Ruhe zu geben. Getschmann hatte bei Hochzeiten nie Krankenöl dabei. Er ließ sich deshalb ein Kännchen Olivenöl (erste Pressung) geben und wollte gerade mit der Zeremonie beginnen, als Enrico mit den Tropfen ankam. Er träufelte seiner Erbtante ein paar Tropfen auf die Zunge und sogleich erhellte sich ihr Gesicht. Nach ein paar Minuten, war sie in der Lage aufzusitzen und verlangte nach einem Stück Kuchen. Dann stand sie auf. Gerade wollte sie sich an ihren Platz setzen, als sie Holger sah, der diese ordinäre Frau im roten Kleid küsste und drückte, während sie ihre Hand in seine Hose zu stecken schien. Agathe, immer noch schwächlich, wurde wieder schwarz vor den Augen und sie fiel Pfarrer Getschmann bewusstlos vor die Füße.

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