(130) Rüdiger hatte nach dem Abbruch seines Studiums…

Rüdiger hatte nach dem Abbruch seines Studiums zuerst ein paar Gelegenheitsjobs übernommen, dann war er Taxifahrer geworden. Es war, als ob das Ende seiner Beziehung mit Kathrin ihm alle Energie geraubt hätte. Eigentlich war sie es gewesen, die die wesentlichen Entscheidungen traf und er hatte sie dabei unterstützt. Allein war er nicht in der Lage, neue Perspektiven zu finden und so driftete er durchs Leben. Sein Dasein änderte sich, als er Ernst Koch kennen lernte. Eines Tages bekam Rüdiger von seinem Taxiunternehmen einen Auftrag. Er sollte einen wiederhergestellten Computer aus der Reparatur holen und zu einem Ernst Koch hinbringen.

Koch wohnte in einem allein stehenden, recht prachtvollen Haus. Rüdiger trug den Computer im Karton die Außentreppe hoch, bis zur Haustür und klingelte. Es rührte sich zunächst nichts und er überlegte sich, was er jetzt wohl machen sollte. Dann erblickte er einen Schatten hinter der Glasscheibe der Tür und es wurde ihm aufgemacht. Vor ihm saß ein Mann im Rollstuhl, der keine Hände und keine Füße hatte. Wie Rüdiger später herausfand, konnte Koch über ein Blasröhrchen den Cursor eines am Rollstuhl montierten Laptops bedienen. Der Laptop funktionierte wie eine Fernbedienung mit der Koch u.a. die Haustür öffnen und schließen konnte.

„Wo soll ich Ihnen den Computer hinstellen?“, fragte Rüdiger und versuchte, sein Zögern zu überspielen. „Kommen Sie mit“, sagte der Mann, „ich zeige es Ihnen.“ Der Mann surrte mit seinem elektrischen Rollstuhl voraus. Rüdiger stellte den Computer auf und schloss ihn an. Koch wollte wissen, warum er Taxi fahre, da er doch augenscheinlich über vielseitigere Talente verfüge. Rüdiger meinte etwas beschämt, es habe sich halt so ergeben. Der Behinderte lud ihn auf einen Kaffee ein, den Rüdiger zubereiten musste, da Kochs Hilfskraft gerade außer Haus war und eine Besorgung erledigte.

Der Rollstuhlfahrer erzählte, dass er als Kind in einem Autounfall beide Hände und Füße verloren habe. Seine Eltern seien bei dem Unfall ums Leben gekommen und seitdem sei er auf sich gestellt. Am Ende fragte ihn Koch, ob Rüdiger Interesse an einem Job bei ihm habe. Nicht als Krankenpfleger, dafür habe er jemanden, sondern als eine Art Privatsekretär oder Gesellschafter. „Aber ich habe in so etwas keine Erfahrung“, beteuerte Rüdiger. „Was soll ich denn genau machen?“ – „Das werden wir dann schon sehen“, antwortete Koch und fügte zwinkernd hinzu: „Es wird auf jeden Fall etwas mit Hand und Fuß sein, das verspreche ich Ihnen.“

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