(102) Michaela war ein Drag King…

Michaela war ein Drag King, aber noch nicht bereit, sich gegenüber ihren Eltern zu outen. Sie hatte überlegt, dass sie die Pistole in ihr Outfit einbauen könnte. Dann hätte sie ihrer Mutter aber gestehen müssen, welches Outfit sie meinte und dann würde sie irgendwann sagen müssen, was Sache war. Dazu war noch nicht die Zeit gekommen. Andererseits wollte sie damit auch nicht warten, bis sie Arthrose im Knie hatte.

Sie legte das Telefon auf und betrachtete sich im Spiegel. Sie trug Cowboystiefel, Jeans mit Chaps darüber, ein kariertes Hemd mit Lederweste und einen Stetson. Der Bart war angeklebt. Ihre Brüste lagen unter dem Kompressionsshirt eng an. Als Cowboy nannte sie sich Mika. Tagsüber arbeitete sie in einer Versicherung und kümmerte sich um dubiose Brandfälle, allerdings nur vom Schreibtisch aus. An mehreren Abenden in der Woche wurde sie zu Mika. Auf einer Kleinkunstbühne gab sie zwei- oder dreimal im Monat eine Darbietung als Countrysänger. Sie hatte damit Erfolg, verdiente sogar etwas Geld damit. Eines Tages würde sie den Sprung vielleicht wagen und nur noch von ihren Auftritten leben. Sie war sich selbst nicht im Klaren, ob ihr Abwarten mit ihren Eltern oder mit ihrem Mangel an Mut im Allgemeinen zu tun hatte.

Fragen zu ihrer sexuellen Ausrichtung konnte Mika mit einem Satz beantworten: „Es ist kompliziert.“ Als Frau gekleidet mochte sie Männer. Als Drag King hatte sie mehr Interesse an Frauen. Manchmal traf es sich, dass sie als Mika eine Frau traf, die die Verkleidung nicht durchschaute und Michaela versuchte dann zu testen, wie weit sie gehen konnte.

Einmal hatte Michaela Sporen gekauft, die sie an ihren Cowboystiefeln befestigte. Durch das metallische Scheppern beim Gehen fühlte sie sich besonders männlich. Als sie sich in einer Bar an den Tresen setzte, kam sie sich vor wie John Wayne. Erst als sie ein Corona bestellt hatte, bemerkte sie, dass eine große blonde Frau neben ihr saß. Die Frau trug einen Jeansrock zu roten High Heels und schien Mika über den Barspiegel zu beobachten. Mika war sich nicht sicher, denn es war recht dunkel an der Bar. Als der Bartender das Bier vor Mika abgestellt hatte, hob sie die Flasche und prostete ihrer Nachbarin im Spiegel zu. Das brach das Eis und sie waren schnell im Gespräch.

Die Frau hieß Donna und sagte, dass sie auf Geschäftsreise in der Stadt sei. Werbebranche. Mika nickte und schob den Stetson etwas weiter ins Genick. Schon allein am Vorbild ihres Vaters hatte sie die Erfahrung, dass man als Mann eher weniger sagte. Donna hingegenredete viel. „Was machst du so, wenn du nicht das Vieh durch die Prärie treibst?“, fragte Donna. Mika hatte an dem Abend noch einen kurzen Auftritt als Countrysänger in diesem Club und sagte selbstbewusst: „Ich bin Countrysänger.“ Donna war ein großer Fan von Country-Musik und fragte, welche Art von Songs Mika zum besten gab. „Ich habe gleich noch einen Auftritt hier. Und für dich werde ich ‚Ring of Fire‘ singen.“

Als Mika später auf der kleinen Bühne stand, kündigte sie an: „Und der nächste Song ist für Donna, die Lady an der Bar. Ring of Fire.“

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