(101) Hedda Holtz‘ größter Stolz war ihr Haushalt.

Hedda Holtz‘ größter Stolz war ihr Haushalt. Wenn alles am richtigen Platz war und sauber glänzte, dann war die Welt für sie in Ordnung. Sie hatte zwei Ablenkungen: das Radio und das Telefonieren. Aber sie konnte alles gleichzeitig erledigen. Zum Beispiel bereitete es ihr keine Probleme, gleichzeitig den Boden in der Küche zu schrubben, Radio zu hören und dabei zu telefonieren. Den Hörer klemmte sie zwischen Schulter und Ohr, um die Hände frei zu haben. Das Einzige, was sie in ihrem Leben nicht geordnet bekam, war ihr Mann Hubert. Wenn er da war, saß er nur in seinem Sessel und schwieg. Versuche, mit ihm ein Gespräch zu führen, waren sinnlos. Deshalb war Hedda auch froh, dass er meistens nicht da war.

Gerade stand sie in der Küche und telefonierte mit ihrer Tochter Michaela. „Wie geht es Vater?“, fragte Michaela. „Keine Ahnung. Du weißt, dass dein Vater nicht redet. Ich glaube, schon seit Jahren nicht mehr. Ich frage mich, ob er es noch kann.“ – „Du übertreibst Mutter. Vater ist halt keine Quatschbacke.“ – „Weiß Gott nicht. Wusstest du, dass er eine Pistole besitzt?“ – „Vater? Unmöglich.“ – „Doch, ich habe sie gefunden, unten in seinem Nachtkasten, hinter den Westernromanen. Die muss schon sehr alt sein. Auf jeden Fall war sie komplett klebrig und fettig. Ich bin gerade dabei, sie zu reinigen.“ – „Mutter! Pistolen reinigt man nicht! Was ist, wenn sie geladen ist?“ – „Nee, ist sie nicht, ich habe reingeschaut, da war nix. Dann habe ich auch noch mal abgedrückt, zur Sicherheit. Bin ja nicht blöde.“ – „Und jetzt?“ – „Na was wohl? Pril macht volle Arbeit. Da war aber auch eine schwarze Brühe drin, meine Herren. Die hat er wohl von der Armee mitgehen lassen. Er war früher ein schlimmer Finger und klaute viel.“ – „Das wusste ich gar nicht.“ – „Ist auch nichts, worüber man in der Öffentlichkeit redet. Naja, er ist ja jetzt auch sehr ruhig geworden. Aber früher, da war er schon ein richtiges Alphatier. Deshalb war ich ihm auch verfallen.“ – „Ja gut, Mutter. Ich muss jetzt los. Aber glaubst Du nicht, dass er es nicht gut finden wird, dass du seine Pistole reinigst? Die gehören ölig und verfettet.“ – „Das mag sein, aber dann soll er das Ding nicht in den Nachtkasten legen. Ich kümmere mich nicht um seinen Werkzeugkasten, da hätte er es hinlegen sollen. Wenn es im Nachtkasten ist, dann sorge ich dafür, dass es sauber wird.“ – „Klingt beeindruckend, Mutter. Vielleicht kannst du deine Dienste ja auch der Mafia anbieten. Du wärst ideal, um Leichen zu beseitigen.“ – „Das ist zwar makaber, Michaela, aber so eine Leiche besteht ja auch nur aus Wasser und Fett. Und damit schlage ich mich rum, seit ich deinen Vater geheiratet hab.“ – „Grüß Vater von mir. Und versteck die Pistole, dass er sie nicht gleich sieht. Das wird dir Ärger ersparen.“ – „In meinem Alter ärgert mich keiner mehr. Wer einmal Arthrose im Knie hat, der sieht viele Dinge gelassener.“

6 Gedanken zu „(101) Hedda Holtz‘ größter Stolz war ihr Haushalt.

  1. Ich darf davon ausgehen, dass die Waffe mit hochwertigen ReelX Öl geschmiert wird – und nicht mit Schweinefett, wie es mein erster Gedanke war? Ich sehe schon, wie handelsübliches Gänseschmalz in den schönen alten Trommelrevolver „geschmaddert“ wird. Würde zu dieser Geschichte womöglich passen.

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